Kapitel 5

Chloe

Als ich zu Hause ankomme, schmeisse ich meine Schultasche in mein Zimmer und gehe sofort ins Badezimmer. Dort schminke ich mich ab und stecke meine Haare zu einem festen Dutt. „Chloe?“, meine Mutter klopft an der Tür, öffnet sie einen Spalt und steckt ihren Kopf hinein. Während ich meine Frisur mit Haarspray befestige steht sie nur da und schaut mich an. Als ich fertig bin, werfe ich ihr einen fragenden und leicht genervten Blick zu. „Was ist?“, frage ich unhöflich, schiebe mich an ihr vorbei und laufe zu meinem Zimmer. Sie folgt mir, wie erwartet. Als sie immer noch nichts sagt, gehe ich zu meinem Kleiderschrank, öffne die Schublade, in der meine Trainingssachen sind und beginne mich umzuziehen. Meine Mutter beobachtet mich und seufzt dann. „Weisst du Chloe würdest du nur die Hälfte der Zeit, die du in dein Training steckst, mit mir und deinem Vater verbringen, wären wir alle viel glücklicher“ „Bist du sicher, das wir alle glücklicher wären?“, schnauze ich sie an. Ich sehe ihre traurigen Augen und weiss, dass ich gemein und ungerecht zu ihr bin. Doch ich kann nichts dafür, dass mein Bruder mit seiner Freundin unbedingt nach Italien auswandern und uns im Stich lassen musste. Ich bin mir bewusst, dass wir zu viel von ihm verlangt haben. Ich gehe noch zur Schule, meine Mutter hat nie einen Beruf gelernt und hat mit ihren 49 Jahren auch keine Lehrstelle bekommen, nachdem mein Vater gekündigt worden war. Seine Vorgesetzten waren der Meinung, das alte gegen neues Personal auszutauschen, was sie dann auch knallhart durchzogen. Als er dann keinen neuen Job bekam, bekam mein 25-jähriger Bruder die Aufgabe uns alle zu ernähren und unsere Rechnungen zu bezahlen. Letztendlich hat er uns verlassen und ich habe mich auf mein Training konzentriert. Da mein Vater nichts zu tun hatte und meine Busfahrkarten nicht bezahlen wollte, die ich brauchte um ins Studio zu kommen, baute er das grosse Zimmer meines Bruders in einen Trainingsraum mitsamt Spiegel und Stange, die ich von meinem Erspartem bezahlte, um. Seitdem verbringe ich jeden Nachmittag in diesem Raum und tanze mir alle Sorgen von der Seele. In diesen paar Stunden, die ich in meiner eigenen Welt verbringe, mache ich mir keine Gedanken darüber, dass wir die nächste Stromrechnung vermutlich nicht mehr bezahlen können und dass ich mit dem Geld, das ich verdiene meine Ballettstunden bezahle. Wenn ich so über das ganze nachdenke bin ich mir sicher, dass ich der egoistischsten Mensch auf Erden bin. Genau deshalb schnappe ich mir meine Spitzenschuhe, lasse meine Mutter stehen und gehe in das Zimmer gegenüber von meinem. Ich schliesse die Türe zu und mache die Musik an.

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